Betroffener schildert im Prozess gegen Magdeburg-Todesfahrer: “Wir hätten alle drei t-o-t sein können”

Magdeburg – Emotionaler Verhandlungstag im Prozess um das Geschehen auf dem Weihnachtsmarkt

Am Donnerstag wurde der Prozess rund um das schwere Ereignis auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt fortgesetzt. Es war einer der emotionalsten Tage seit Beginn der Verhandlung – geprägt von bewegenden Aussagen, persönlichen Schicksalen und direkter Konfrontation mit dem Angeklagten Taleb A., der wegen seiner Fahrt über den Weihnachtsmarkt zur Verantwortung gezogen wird.

Der Angeklagte Taleb A. steht für seine Todesfahrt über den Magdeburger Weihnachtsmarkt vor Gericht.

Bereits zu Beginn des elften Verhandlungstages trat die Mutter des kleinen André (†9) in den Zeugenstand. Mit hörbar bebender Stimme schilderte sie ihre Erinnerungen an den Abend, der das Leben ihrer Familie für immer veränderte. Sie berichtete von den letzten Momenten mit ihrem Sohn und den chaotischen Szenen, die sich wenige Sekunden später abspielten.

Im Laufe des Tages sagten insgesamt sechs weitere Betroffene aus – darunter eine Ersthelferin, die sich um ein verletztes Mädchen kümmerte, sowie ein Mann, der bei dem Vorfall so schwer getroffen wurde, dass er zeitweise in Lebensgefahr schwebte.

Mehrere Zeugen nutzten die Gelegenheit, um sich direkt an den Angeklagten zu wenden. Einer von ihnen äußerte deutlich seine Wut und Unverständnis über die von Taleb A. vorgebrachten Erklärungen. Er betonte, dass nichts davon rechtfertigen könne, andere Menschen in solch eine Situation zu bringen. Der Angeklagte selbst zeigte während des gesamten Tages kaum Regung, lag über weite Strecken mit dem Gesicht auf dem Tisch oder starrte regungslos auf den Boden.

Der Prozess setzt erst am 15. Dezember fort.

Persönliche Folgen – körperlich, psychisch und finanziell

Besonders eindrücklich war die Aussage einer 60-jährigen medizinischen Fachangestellten, die an dem Abend zufällig über den Weihnachtsmarkt schlenderte. Sie wurde durch die Fahrbahnbewegung des Autos gegen eine Verkaufsbude geschleudert. Dabei erlitt sie Kopfverletzungen, gebrochene Rippen und innere Schäden, die sofort operiert werden mussten.

Sie berichtete, dass sie bis heute unter Schlafstörungen, Erschöpfung, Geräuschempfindlichkeit und Angst in der Dunkelheit leide. Obwohl sie früher eine „kerngesunde Frau“ gewesen sei, fühle sie sich seit dem Vorfall deutlich eingeschränkt.

Der Prozess findet in einem extra gebauten Gerichtsgebäude am Jerichower Platz in Magdeburg statt.

Ein weiterer Zeuge, ein 49-jähriger Selbstständiger, schilderte nicht nur seine körperlichen Beschwerden, sondern auch die finanziellen Auswirkungen. Seit dem Ereignis sei er durchgehend krankgeschrieben und habe massive Einnahmeverluste. Trotz politischer Zusagen, Betroffene nicht im Stich zu lassen, fühlte er sich allein gelassen. Er berichtete sogar, dass ihm ein Behördenmitarbeiter geraten hätte, seine Firmen abzumelden und Arbeitslosengeld zu beantragen. Am Ende musste er sich von Freunden Geld leihen, um finanziell über Wasser zu bleiben.

Der Angeklagte Taleb A. zeigt sich im Prozess teilnahmslos.

Schicksale, die bis heute nachwirken

Ein weiterer 49-Jähriger erzählte, dass er den Weihnachtsmarkt eigentlich nur seinen Kollegen aus Indien zeigen wollte. Dann sah er für einen Sekundenbruchteil die Lichter des Fahrzeugs, bevor er selbst getroffen wurde. Er beschrieb, wie er Menschen „vor sich hergeschoben“ sah – ein Bild, das ihn bis heute verfolgt. Er erlitt ein Schleudertrauma, ein Kopf-Hirn-Trauma sowie tiefe Schnittwunden und verließ Magdeburg später dauerhaft, weil er nicht mehr dort leben konnte.

Auch ein 57-jähriger Schulleiter aus Magdeburg berichtete von dramatischen Sekunden. Er riss seinen neunjährigen Sohn im letzten Moment aus dem Weg. „Wir hätten alle drei nicht überlebt können“, sagte er mit gebrochener Stimme. Trotz aller Verletzungen betonte er, dass seine Familie im Vergleich zu anderen „immenses Glück“ gehabt habe.

Prozessunterbrechung und Ausblick

Der Verhandlungstag endete gegen 14.29 Uhr. Richter Dirk Sternberg bedankte sich bei der letzten Zeugin für ihren Mut. Der Prozess wird am 15. Dezember fortgesetzt. Dann sollen weitere Sachverständige und Betroffene aussagen.

 

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