Was geschah wirklich vor nur 23 Minuten? Ein Vater bricht plötzlich sein Schweigen – und seine Worte sorgen für Schockwellen im ganzen Ort.

Es ist ein Fall, der wie ein dunkler Schatten über Mecklenburg-Vorpommern liegt. Ein achtjähriger Junge verschwindet am helllichten Tag, nur um Tage später tot aufgefunden zu werden – entdeckt von der Frau, die ihn wie ihr eigenes Kind geliebt haben soll. Was geschah wirklich mit dem kleinen Fabian? Und welche Rolle spielen Eifersucht, Rache und eine zerbrochene Patchwork-Familie in diesem unfassbaren Drama?
Güstrow, eine kleine Stadt, umgeben von weiten Feldern und Wäldern. Ein Ort, an dem die Welt noch in Ordnung schien. Doch am 10. Oktober zerbrach diese Idylle. Fabian, ein fröhlicher, fußballbegeisterter Junge, blieb an diesem Freitag zu Hause. Ein harmloser schulfreier Tag, so dachte seine Mutter Dorina, als sie zur Arbeit fuhr. Sie konnte nicht ahnen, dass sie ihren Sohn nie wieder lebend sehen würde.
Zwischen 11 und 15 Uhr, so rekonstruierten die Ermittler später, geschah das Unfassbare. Fabian verließ das Haus. Ohne Handy, ohne Nachricht. Warum? Folgte er einem vertrauten Gesicht? Einem Versprechen? Die Spuren verlieren sich im Nichts, irgendwo zwischen Bushaltestellen und der vagen Hoffnung einer Familie, die vier Tage lang zwischen Bangen und Beten gefangen war.
Der grausame Fund und der erste Verdacht
Dann, am 14. Oktober, die Gewissheit, die niemand wollte. Fabians lebloser Körper wurde in einem Tümpel bei Klein Upahl gefunden. Doch es war nicht die Polizei, die ihn entdeckte. Es war Gina H., die Ex-Freundin von Fabians Vater Matthias. Ein Zufall? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie zufällig dort langläuft“, äußerte Fabians Mutter früh Zweifel. Der Fundort lag abseits, versteckt, kein Ort für einen gemütlichen Spaziergang.
Warum sollte jemand, der ein Kind tötet, die Leiche selbst finden? Kriminalpsychologen nennen es den Wunsch nach Kontrolle, den Versuch, sich als Helfer zu inszenieren und so den Verdacht von sich abzulenken. Doch genau dieses Verhalten rückte Gina H. ins Visier der Ermittler. Widersprüchliche Aussagen, eine seltsame WhatsApp-Nachricht an die Mutter („Die Kripo war bei mir. Fabian ist nicht bei mir“) und ein Alibi, das keines war, ließen die Schlinge enger werden.
Das Medea-Syndrom: Rache an dem, was man liebt?
Wer ist Gina H.? Eine leidenschaftliche Reiterin, eine Frau, die Fabian angeblich wie ihr eigenes Kind liebte. Doch hinter der Fassade der fürsorglichen Ziehmutter brodelte es. Nachbarn berichteten von heftigen Streitigkeiten mit Fabians Vater Matthias. Die Trennung im August, nur Monate vor der Tat, soll sie schwer getroffen haben. Sie verlor nicht nur ihren Partner, sondern auch den Zugang zu dem Jungen, der ihr so viel bedeutete.
Experten ziehen Parallelen zum Medea-Syndrom – ein seltenes, aber verheerendes psychologisches Muster, bei dem eine Frau aus Rache am Ex-Partner dessen liebstes “Besitztum” zerstört: das gemeinsame Kind. War Fabian das Opfer einer Frau, die ihren Schmerz nicht anders zu kanalisieren wusste als durch absolute Zerstörung? Eifersucht auf Matthias’ Kontakt zu seiner Ex-Familie soll sie zerfressen haben.
Indizien, die schwer wiegen
Die Ermittler trugen Stück für Stück ein Puzzle des Grauens zusammen. Am 6. November klickten die Handschellen. Hausdurchsuchungen brachten Belastendes zutage: DNA-Spuren von Fabian in Ginas Auto, Brandbeschleuniger an ihrer Kleidung und in ihrer Garage. Fabians Körper wies Brandspuren auf. Ein verkohlter Handschuh in der Nähe des Fundorts soll Fasern enthalten, die zu Gina passen.
Doch Gina H. schweigt. Ihr Anwalt spricht von Vermutungen, von fehlenden Beweisen, von einer nicht gefundenen Tatwaffe. Doch für die Staatsanwaltschaft wiegen die Indizien schwer. In 80 Prozent der Tötungsdelikte stützen sich Urteile auf genau solche Ketten von Hinweisen.
Ein Vater zwischen Trauer und Verantwortung
Inmitten dieses Albtraums steht Matthias Röhrbein, Fabians Vater. Ein Mann, der seinen Sohn verloren hat und dessen ehemalige Lebensgefährtin als Mörderin verdächtigt wird. Wie lebt man damit weiter? Seine Handlungen wirken auf Außenstehende befremdlich, fast surreal: Nach Ginas Festnahme kümmerte er sich um ihre Pferde.
Warum? Ist es Pragmatismus? Verantwortung gegenüber den Tieren, die nichts für die menschlichen Abgründe können? Oder ist es der verzweifelte Versuch, in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, an irgendetwas festzuhalten, das noch Sinn ergibt? Seine Worte in den Tagen nach dem Verschwinden schwankten zwischen Unglauben und nackter Angst. Jetzt ist da nur noch Stille und die quälende Frage nach dem „Warum“.

Ein Dorf unter Schock
Reimshagen, das Dorf, in dem Gina lebte, kommt nicht zur Ruhe. Polizeieinsätze, Gerüchte, Medienrummel. Die Gemeinschaft ist erschüttert. Man kannte Gina. Manche fanden sie auffällig, andere engagiert. Niemand ahnte, welches Dunkel sich hinter der Reiterhof-Idylle verbergen könnte.
Der Fall Fabian ist mehr als ein Kriminalfall. Er ist eine Tragödie über zerbrochene Beziehungen, über die Abgründe der menschlichen Seele und darüber, wie wenig wir manchmal von den Menschen wissen, denen wir am nächsten stehen.
Fabians Mutter Dorina kämpft jeden Tag weiter, getrieben von der Hoffnung auf Gerechtigkeit. „Ich hoffe jeden Tag, dass sie mir sagen, dass sie den Täter haben.“ Doch ihre Fragen bleiben unbeantwortet. Hat ihr Sohn gelitten? Hatte er Angst?
In der Marienkirche von Güstrow nahmen Hunderte Abschied von einem Jungen, der einfach nur leben wollte. Kerzen, Blumen, ein Zettel mit kindlicher Schrift: „Wir werden dich nie vergessen.“ Fabian wurde aus dem Leben gerissen, Opfer eines Konflikts, den er nicht verstehen konnte.
Die Ermittlungen dauern an, die Haftprüfung steht bevor. Wird Gina H. ihr Schweigen brechen? Wird die Wahrheit ans Licht kommen? Eines ist sicher: Der Fall Fabian wird Güstrow und ganz Deutschland noch lange beschäftigen. Er mahnt uns, genau hinzusehen. Denn manchmal lauert das Unfassbare dort, wo wir es am wenigsten erwarten – in der vertrauten Nähe derer, denen wir unsere Kinder anvertrauen.




